rohestheater Aachen
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Liebe Freunde und Interessierte des rohestheater Aachen,
wir freuen uns, euch mitteilen zu können, dass wir zu unserem 25-jährigen Jubiläum mit unserer diesjährigen Produktion Prima Klima zum Theatertreffen der Jugend nach Berlin eingeladen worden sind, so dass wir nun neben Korbach auch dort spielen dürfen.

Eine Auszeichnung, die wir nun, nach vielen Endausscheidungen der vergangenen Jahre, zum dritten Mal erleben dürfen, was unsere Jubiläum natürlich so richtig rund macht und ein für alle Beteiligten schönes Geschenk ist!
Wenn ihr also Lust habt, das zu sehen, was in Berlin und Korbach zu sehen sein wird, würden wir uns sehr freuen, wenn ihr vorbei kommt.

für die Gruppe, Eckhard Debour

Unsere Reise nach Berlin
oder: Ein Ritt auf der Rasierklinge des (strukturellen) Rassismus

Ankunft in Berlin auf den letzten Drücker nach einer Panne mit dreieinhalbstündiger Verspätung. Direkt hinein in die Eröffnungsveranstaltung, dann die Präsentation eines Trailers, in dem das rohestheater nach Vorstellung der Festivalleitung in ca. 2 Minuten die Gruppe Akademie der Autodidakten am Ballhaustheater Naunynstraße mit ihrem Stück „One day I went to *idl“ vorstellen sollte und dabei, wenn möglich, noch einen Transfer zu unserem Stück aufzeigt. Also stellte dann immer eine Gruppe des Festivals bei der Eröffnung eine andere Gruppe vor, wir kamen zum Schluss dran. Unsere Idee nach dem Hören des Songs „One day I went to *idl von African Boy:

Wir zeigen das, was auch besungen wird, und drehen dann aber die Geschichte um, der Migrant nicht als „Dieb“, verbannt in die Illegalität der Konsumgesellschaft des Westens, sondern als der, der gibt. Es war klar, dass wir keine Lidltüten wollten und auch keine Tiefkühlhähnchen (schon wegen unseres Stückes) verteilen konnten, die der Protagonist, wie der Song berichtet, gestohlen hatte, weshalb er dann in allen Lidlfilialen Hausverbot erhält und sich in andere Supermärkte begeben muss. Unsere Idee daher: Wir spielen mit folgenden Sätzen das alte Kinderspiel Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Mit folgendem Text: „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“: „Lidl!“ - „Und wenn er kommt?“: „Dann schließen wir!“.

Der Plural schien uns hier sinnvoll, da er den Verweis über Lidl hinaus auch auf uns alle und das aktuelle Schließen der Grenzen in Europa ermöglicht. Dass wir dann keine „Schokoküsse“ oder „Schokoladenschaumhütchen“ etc. zum Verteilen nehmen konnten, war klar, aber die Wirkung der in der ehemaligen DDR und der BRD so beliebten und begehrten Banane als elementares Lebensmittel musste man schon mit einem Augenzwinkern aufnehmen, was leider grandios misslang. Mit dem Song fahren die Schüler*Innen durch das Publikum mit gespielten Einkaufswagen, ein Bild was später kurioser Weise im Stück „One day I went to idl“ auch vorkommen sollte. Sie verteilten aus Jutebeuteln der Biosupermarktkette, die groß mit dem Logo „Basic“ versehen waren, an die Zuschauerbasis Bananen. Dass sie sich dann die Basic-Jutebeutel über den Kopf ziehen, sollte natürlich nicht an den Ku-Klux-Clan erinnern (seit wann tragen die Biojute von Basic?), sondern das Abtauchen in die Illegalität symbolisieren, die wir dann demonstrativ, zurück auf der Bühne, abnehmen, um die Akademie der Autodidakten herzlich in Berlin auf der Bühne des TTJ willkommen zu heißen. Das alles in ca. 3 Minuten.

Die Folge, schon während der Präsentation verlässt ein weibliches Mitglied der Gruppe demonstrativ den Saal, kommt wieder zurück, und fordert die anderen Mitglieder der Gruppe auf, ihr zu folgen, was dann geschieht. Die Schüler*Innen des rohestheater sind ganz konsterniert, hatten damit nicht gerechnet.
Warum man nicht im Anschluss sich darüber unterhält, etwa fragt: „Was habt ihr da gemacht“, oder „Wie habt ihr das gemeint?“ oder „Kennt ihr die Problematik von Zeichen in bestimmten Kontexten nicht?“, haben wir uns dann schon gefragt, stattdessen: Publikumswirksamer Eklat.

Offensichtlich drohte die Leitung der Gruppe dann damit, dass sie am nächsten Tag nicht spielen würden, forderten den Ausschluss unserer Gruppe usw., was die Festivalleitung des TTJ in der Nacht dazu veranlasste, eine Stellungnahme in Form einer Entschuldigung zu verfassen. Die wurde beiden Gruppen nachts um 2 Uhr zugesandt. Das Ballhaustheater Naunynstraße aus Berlin Kreuzberg nutzte das dazu, stattdessen eine eigene Stellungnahme, die ausdrücklich den eigenen Namen des Theaters benennt, zu formulieren, und die dann in deutlich verschärfter Form der Anklage einen „rassistischen Übergriff“ feststellte, der stattgefunden habe. Damit nicht genug, forderte das Ballhaustheater, dass die Festivalleitung des TTJ Berlin diese Stellungnahme als die eigene ausgeben solle, was diese dann fataler Weise auch tat und 3 Tage in der Form als einzige Stellungnahme im Netz stehen ließ.

Das rief natürlich Empörung bei den Schüler*Innen des rohestheater hervor und sie forderten ein Gespräch mit dem Intendanten und Raum für eine eigene Stellungnahme. In dem Gespräch entschuldigte sich die Intendanz und die Festivalleitung und ermöglichte dann auch fairer Weise unsere Stellungnahme. Hier der Wortlaut am 4. Tag des Festivals:

Wir sind keine Rassisten! Aber wir wissen nun, wie es sich anfühlt, als Rassisten bezeichnet zu werden.

Es tut uns leid, wenn wir durch unsere Kurzpräsentation die Gefühle anderer verletzt haben! Sie war kein „rassistischer Übergriff“, sie war – im Gegenteil – genau anders gemeint. Das ist wie in der griechischen Tragödie insofern tragisch, als es da auch keine Möglichkeit der Erklärung und der Verständigung gibt, sondern nur die Wahl zwischen zwei Wegen, die beide ins Verderben führen.

Wir sind keine Rassisten, aber wir wissen nun, wie Stigmatisierung sich anfühlt und dass das nicht sein darf.

Rohestheater

Unserer über 3 Tage mehrfach vorgetragener Versuch, über den Vorfall ins Gespräch zu kommen, lehnte die Leitung des Ballhaustheaters leider strikt ab, ebenso die Spielleitung. „Mit Dir sprechen wir nicht!“, „Seid ihr aus Aachen?“ „Ja“. „Mit euch sprechen wir nicht.“ Wir versuchten zwischenzeitlich mit dem Hinweis, dass das rohestheater schon 2007 in Berlin Michael Endes „Jim Knopf –oder wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ gespielt habe und das Stück damals als Kindertheaterstück mit drei afrikanischen Jugendlichen in den Hauptrollen bewusst in den Kontext der Migration gestellt hatte, eine Brücke zu schlagen und erhielten nur zur Antwort: „Ja, das haben wir auf eurer Internetseite gesehen, Jim Knopf ist auch rassistisch.“ Dass das rohestheater als einzige Festivalgruppe damals durch eine Performance vor dem Brandenburger Tor gegen Abschiebung von Migrant*Innen demonstrierte, konnte leider nicht mehr vermittelt werden, weshalb wir das hier mit 3 Fotos einmal nachholen möchten.

Im Rahmen einer „Plenumsdiskussion“ des Festivals am Dienstag, die eigentlich aufklären und befrieden wollte, wurden wir zu Beginn erneut angegriffen, dann aber richtete sich der Tenor mehr und mehr gegen die Intendanz der Berliner Festspiele und stellte die Forderung nach mehr schwarzen Schauspieler*Innen auf den Bühnen der Schauspielhäuser und als Mitglieder z.B. in der Jury im TTJ usw. Offensichtlich hatte das eine uns unbekannte Vorgeschichte und uns vermittelte sich zunehmend der Eindruck, dass wir in der Problematik der „Ressourcen“ und der „Anstellungen“ scheinbar für Öffentlichkeitsarbeit missbraucht wurden, um migrantischen und postmigrantischen Kulturproduktionen zu mehr Publizität zu verhelfen. (vgl. http://www.berlin-buehnen.de/de/buehnen/ballhaus-naunynstrasse/) Grundsätzlich begrüßen wir das ja, sehen aber die Wahl der Mittel, die das Ballhaustheater gewählt hat, sehr kritisch.

Dass moralisch sehr ambitionierte (junge) Menschen, die selber überwiegend ohne migrantischen Hintergrund sind, sich derart vorverurteilend und nicht recherchierend verhalten, hat unseren Jugendlichen den Berlinaufenthalt in Teilen leider vermiest.

Während der Woche gab es aber auch viel Positives. Mit den vier am Festival dauerhaft teilnehmenden Schauspielern von „One day I went to *idl“ hatte unserer Gruppe sehr schöne Begegnungen und um die sollte es doch eigentlich gehen. Deshalb möchte sich die Gruppe des rohestheater noch einmal herzlich bei Oumar, Abidal, Matondo und Saman bedanken! „One love – no hate“

rohestheater

Prima Klima
25 Jahre rohestheater

25 Jahre Theater an einem Berufskolleg für Technik, der Mies-van-der-Rohe-Schule, Aachen

Unser Jubiläum wollen wir mit der diesjährigen Produktion Prima Klima ordentlich feiern! In ihr verbindet sich vieles von dem, was das rohestheater in all den Jahren als seine eigene Ästhetik entwickelt hat: In Zeiten des Klimawandels haben wir wieder eine Eigenproduktion choreographiert, eine Textcollage auf der Basis literarischer, dokumentarischer und selbstverfasster Texte - politisch, poetisch, philosophisch - mit intensiven Videos bildhaft in Szene gesetzt, in denen 23 Schauspieler*innen sich auf der Bühne austoben und im Chor rufen:

„Manntje, Manntje, Timpe Te, Buttje, Buttje in de See, Myne Fru de Ilsebill will nich so, as ik wol will!“

Nachruf
Frank Herdmerten, † 30.09.2014

Frank Herdmerten, mein Deutschfachleiter, erster Theaterlehrer und kritischer Freund, starb am 30.09.2014 im Alter von 78 Jahren nach langer Krankheit.

Ohne ihn gäbe es das rohestheater wohl nicht. Er hat mich direkt in die Theaterarbeit mit SchülerInnen hineingeworfen und mir beim ersten Schwimmen geholfen.

Er war mir zwischenzeitlich Vorbild und Maßstab. Ihm durfte ich dann viele Jahre später als künstlerischer Leiter im Leitungsteam der Theaterwoche Korbach nachfolgen und mit dem rohestheater einen eigenen Theaterweg einschlagen, den er viele Jahre aus der Ferne wohlmeinend kritisch begleitet hat.

Lieber Frank, ich danke Dir für die Lehre, die lange intellektuelle Auseinandersetzung und die freundschaftliche Verbundenheit.

Eckhard

Das sagt die Presse

"In einer furiosen Schau bringen zwanzig junge Menschen die Bühne zum Beben, erschallen Klänge aus Igor Strawinsky's "Sacre du Printemps" - von seinen Kritikern als "Massacre du Printemps" verächtlich gemacht - erschütternd!

'Es ist doch klar, dass unsere Sache richtig und gerecht ist...'
Weit über Schülertheater-Niveau (oder dem, was mensch sich darunter vorstellt) geht das Dargebotene hinaus. [...]Deutlich zu spüren sind das Engagement und Zusammenspiel aller Bereiche: Technik, Bühne, Regie und Dramaturgie, Assistenz und Schauspiel bis hin zum Programmheft und der Theater-Fotografie. Alle sind mit Begeisterung und dem entsprechenden Ergebnis bei der Sache. Großes Kompliment."

Aus: Rheinische Neue Zeitung, Online Flyer vom 9.4.2014

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